Ich hätte mir eine anständige Kanzlerin gewünscht

„Ich hätte mir eine anständige, moralisch gefestigte Kanzlerin für Deutschland gewünscht.

Bekommen haben wir Friedrich Merz.“

Ich hätte mir eine Kanzlerin gewünscht, die dieses Land zusammenführt.

Jemanden, der versteht, dass Deutschland mehr ist als ein Machtspiel, mehr als Parteitaktik, mehr als der Applaus einer aufgewühlten Minderheit.

Ich hätte mir einen moralisch gefestigten Regierungschefin gewünscht. Eine, die weiß, dass Brücken schwieriger zu bauen sind als Schützengräben.

Bekommen haben wir Friedrich Merz.

Einen Mann, der die Demokratie führt wie eine Anklagebank. Der das Land nicht beruhigt, sondern aufwühlt. Der politische Gegner nicht als Mitgestalter begreift, sondern als Bedrohung. Der Spaltung als Strategie missversteht – und Härte als Charakter.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet in einer Zeit wachsender Unsicherheiten ein Politiker an die Spitze gelangt, dessen stärkstes rhetorisches Mittel die Abwertung ist.

1. Der Moment, an dem klar wurde, wohin diese Reise geht

Es war gleich zu Beginn seiner Parteiführung.

Friedrich Merz sagte:

„Linke Politik ist vorbei.“

Das war kein Versprecher, keine unglückliche Formulierung, kein Ausrutscher.

Es war die erste ideologische Grundlinie seiner Führung.

Es war die Feststellung eines Mannes, der sich nicht als Kanzler für dieses Land versteht, sondern als Abrissbirne für alles, was nicht in sein Weltbild passt.

Denn „linke Politik“ – das bedeutet in Deutschland:

Sozialstaat

Arbeitnehmerrechte

Gewerkschaften

Zivilgesellschaft

Jugendverbände

Umweltschutz

Menschenrechte

demokratische Initiativen

Wenn ein CDU-Vorsitzender sagt, „linke Politik sei vorbei“, dann sagt er nicht, dass eine Partei passé ist.

Er sagt, dass die gesellschaftliche Klammer dieses Landes überflüssig geworden sei.

2. Eine CDU, die ihre eigene Mitte verrät

Die moderne CDU war einmal ein Stabilitätsanker.

Eine Partei, die die Rechte in Schach hielt und die Linke nicht verteufelte.

Eine Partei, die wusste, dass Regieren Verantwortung bedeutet und nicht Kriegsrhetorik.

Heute sehen wir eine andere CDU.

Eine CDU, deren wichtigste Köpfe sich rhetorisch an die AfD angenähert haben.

Friedrich Merz

Er liefert den ideologischen Rahmen.

Kein Abgrenzen, sondern Andeutungen.

Kein Schutz der Mitte, sondern Angriffe auf „linke Eliten“, „Gender-Ideologen“, „Asyl-Lobby“.

Jens Spahn

Er liefert die Sprache.

Das ständige Anheizen, das ständige Misstrauen, das ständige Herunterbrechen komplexer Probleme auf billige Feindbilder. Der Mann, der Demonstranten in Gießen als „linken Mob“ beschimpfte – ein Vokabular, das sich in AfD-Kanälen wiederfindet, nur etwas ungewaschener.

Alexander Dobrindt

Der institutionelle Brandbeschleuniger.

Sein Begriff der „Anti-Abschiebe-Industrie“ war einer der größten Dammbrüche.

Da wurde nicht nur kritisiert – da wurden Menschen, Vereine und Ehrenamt kriminalisiert.

Eine Rhetorik, die früher nur am äußersten rechten Rand zu hören war.

Katharina Reiche

Die Achse zur fossilen Lobby.

Eine Politik, die Zukunft opfert, weil gestern bequemer war.

Eine Politik, die der Industrie jeden Wunsch erfüllt, solange er nur laut genug ausgesprochen wird.

Eine Politik, die jede ökologische Verantwortung lächerlich macht – und damit exakt die Klientel bedient, die sich gegen jede Form von Modernisierung wehrt.

Die CDU tut so, als würde sie die AfD bekämpfen.

In Wahrheit hat sie deren Weltbild übernommen, geglättet und in politische Sprache gegossen.

3. Die SPD – das große Schweigen

Doch das eigentlich Dramatische ist etwas anderes.

Die SPD.

Die Partei des Sozialstaats.

Der Arbeitnehmer.

Der Moderne.

Der Demokratie.

Sie schweigt.

Während Merz den Diskurs nach rechts drückt, steht Lars Klingbeil daneben wie ein stiller Beobachter an einer Unfallstelle.

Man muss die Frage stellen – klar, offen, ohne Schleifen:

Herr Klingbeil, warum schauen Sie zu, wie die CDU nicht nur die Mitte zerlegt, sondern auch die demokratische Linke?

Warum überlassen Sie Merz den Raum?

Warum überlassen Sie ihm das Vokabular?

Warum überlassen Sie ihm die Deutungshoheit?

Diese Republik hat Sozialdemokratie nicht als Beobachterin gebraucht, sondern als Gegenkraft.

Als Schutz. Als Stimme.

Stattdessen sehen wir eine SPD, die sich wegduckt, während die CDU den Diskurs nach rechts räumt.

4. Merz und die Sehnsucht nach einer Republik, die es nicht mehr gibt

Merz regiert, als würde er ein Land führen, das in den 80ern stehen geblieben ist – als könnten soziale Probleme durch Abwertung gelöst werden und politische Konflikte durch Feindbilder.

Er spricht über Klima, als hätte er nie ein IPCC-Papier gesehen.

Er spricht über Migration, als wäre sie eine Fehlfunktion.

Er spricht über Gesellschaft, als gäbe es nur Gewinner und Störenfriede.

Ein Kanzler sollte verbinden.

Merz spaltet.

Ein Kanzler sollte beruhigen.

Merz schürt.

Ein Kanzler sollte Verantwortung tragen.

Merz verteilt Schuld.

5. Die Wahrheit

Ich hätte mir einen anständigen, moralisch gefestigten Kanzler gewünscht.

Einen, der weiß, dass Anstand nicht „Wokeness“ ist. Dass Moral nicht „links“ ist. Dass Zusammenhalt keine Schwäche ist. Dass ein Land aus Menschen besteht – nicht aus politischen Feinden.

Bekommen haben wir Friedrich Merz.

Einen, der lieber die Gesellschaft spaltet, als der AfD Wähler abringt. Einen, der lieber Feindbilder pflegt, als Lösungen findet. Einen, der lieber Stimmung macht, als Verantwortung trägt.

Es ist nicht die politische Enttäuschung, die hier spricht.

Es ist der nüchterne Blick auf einen Mann, der Kanzler sein will, ohne die Grundregeln der demokratischen Führung zu beherrschen.

6. Der Satz, der bleibt

Deutschland braucht keine Abrissbirne.

Deutschland braucht Führung.

Deutschland braucht Haltung.

Deutschland braucht eine Kanzlerin – keinen Kampagnenchef.

Und genau deshalb bleibt der Satz stehen:

Ich hätte mir einen anständigen, moralisch gefestigten Kanzler für Deutschland gewünscht.

Bekommen haben wir Friedrich Merz.

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